24.08.2019, 17 Uhr Baukultur ist ...

02 / Matthias Sauerbruch: Baukultur ist...

... alles, was wir haben
© „Brandhorst Colors“ by zeze57 Creative Commons-Lizenz CC BY-ND 2.0

Museum Brandhorst, München (Sauerbruch Hutton)

Wir leben in einer Welt, die ganz und gar menschengemacht ist. Sie ist das Produkt der zahllosen Eingriffe hunderter Generationen, die eine einst unkolonisierte Wildnis in eine Landschaft verwandelt haben. Diese Landschaft enthielt Wälder, Gewässer, Wiesen, Gärten, Äcker, Wege und bald Siedlungen, Dörfer, Städte. Während sich bis in das 20. Jahrhundert hinein noch eine klare Trennung von „natürlicher“ und „gebauter“ Landschaft auszumachen schien, leben wir heute in einem Raum, der Stadt, Infrastrukturen und „dritte“ Natur in einem Kontinuum vereint. Die Pole „Natur“ und „Technik“ sind nur noch Variationen desselben Systems. Was alle Elemente miteinander verbindet ist, dass sie von jemandem ausgedacht, konstruiert und umgesetzt worden sind: Sie wurden alle gebaut.

Baukultur ist das Maß der Qualität dieses gebauten Kontinuums. Baukultur entscheidet darüber, in was für einer Welt wir selbst, aber vor allem auch unsere Kinder und Enkel einmal leben werden.  Baukultur findet im Detail und im großen Maßstab statt. Und jeder, der auf den (Um-) Bau unserer Welt Einfluss nehmen will, hat Anteil daran. Diese Beschreibung trifft eigentlich fast auf alles und auf jeden zu. Baukultur bestimmt das, was wir als die gebaute Umwelt, als den öffentlichen Raum bezeichnen.

Als eines der wenigen Elemente, das allen in unserer fragmentierten Gesellschaft gemeinsam ist, hat dieser öffentliche Raum eine starke kulturelle und politische Dimension. Er bildet nicht nur die Matrize, in der unsere eigene Vorstellungswelt tagtäglich zur Form erstarrt, sondern auch einen gemeinsamen Erfahrungshintergrund, der die kollektive Identität unserer Gemeinschaft prägt.
Angesichts der Omnipräsenz dieses Raums und der Wichtigkeit seiner Qualität ist es überraschend, dass die Baukultur einen relativ marginalen Stellenwert einzunehmen scheint und dass die Mehrzahl der Menschen dieses wertvolle Gut an Dritte weiterdelegieren – an Politiker, Verwaltungen, Fachleute jeder Art und Couleur. Alle möchten in einer schönen, praktischen, nachhaltigen und ansprechenden Umgebung leben, in der man sich wohlfühlen kann. Aber die wenigsten wissen, wie das aussehen kann, geschweige denn, wie man so etwas herstellt. Diese Qualitäten immer wieder herauszuarbeiten, ist in der Tat die Aufgabe der „Fachelite“, welche die planenden Berufe nun einmal darstellen. Architekten, Ingenieure, Planer sind immer einerseits Berater und Dienstleister ihrer Auftraggeber, aber anderseits auch die Treuhänder der Allgemeinheit, die für die Qualität unserer Umwelt Verantwortung tragen. Diese Verantwortung muss in allem, was wir tun – in welcher Rolle auch immer –, Anlass und Ansporn für ein kontinuierliches Streben nach Exzellenz sein.

Dieses Streben selbst, der Umgang mit den gebauten Dingen und deren Entstehung, ist bereits ein Teil der Baukultur, in den Laien und Fachleute eingebunden werden müssen. Schönheit, Nachhaltigkeit, Wohlbefinden sind relative Werte, die man nicht (nur) mit quasi-wissenschaftlichen, quantifizierbaren Methoden erzielen wird. Sie bedürfen des kreativen und konstruktiven Dialogs; man muss darüber reden, und man muss immer wieder von Neuem versuchen, Dinge zu produzieren und zur Diskussion zu stellen, von denen man annimmt, dass sie die gewünschten Ziele erreichen. Aus dem kritischen Dialog über diese Produktion, aus dem Austausch von Erfahrungen und aus dem gemeinsamen Erarbeiten eines Zukunftsprojektes entsteht Identität; aus dem Sediment dieser Tätigkeit schließlich auch gebaute Kultur – die anfassbare Genealogie unserer Gegenwart, der Maßstab für die Zukunft.

Die Bundesstiftung Baukultur und ihre Unterstützer können nur Katalysatoren dieses Prozesses sein. Letztlich wird sich die Umwelt nicht verbessern, solange sich die diversen stakeholders nicht in den Prozess ihrer Entstehung einbringen. Die Fachwelt kann bis zu einem gewissen Grad die Lücke füllen, die andere immer noch hinterlassen; aber Baukultur kann auf breiter Basis nur gelingen, wenn alle Verantwortung übernehmen.

Der Text wurde für die Bundesstiftung Baukultur im Mai 2010 verfasst.

Prof. Matthias Sauerbruch, Architekt, Berlin

geboren 1955 in Konstanz, studierte nach einer Bauzeichnerlehre Architektur an der Universiät der Künste in Berlin und an der Architectural Association in London. 1989 gründete er in London gemeinsam mit Louisa Hutton das Büro Sauerbruch Hutton, das seit 1991 in Berlin ansässig ist. Sauerbruch hatte Lehrstühle an der TU Berlin und der Akademie der Bildenden Künste Stuttgart inne und war Gastprofessor u.a. an der Harvard Graduate School of Design. Er ist Mitbegründer der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) und gehört der Gestaltungskommission München an. Sauerbruch ist Honorary Fellow des American Institute of Architects und Direktor der Sektion Baukunst der Akademie der Künste in Berlin.